Die Sau durchs Dorf
Immer wieder wird eine neue Sau durchs virtuelle Dorf getrieben. Und die Dorfbewohner jubeln. Meistens. Viele.
In den letzten Tagen liest man von Sparrow, dem ultimativen Mail-Client fürs iPhone. Davor war es Clear, der ultimativen todo-Liste fürs iPhone, davor (oder immer noch) Wunderlist, dem ultimativen Task-Manager für alles.
Alle diese Apps haben eines gemeinsam: sie sind grandios, schon bevor sie das Licht der Welt erblickt haben. Geschweige denn jemand selbige hat ausprobieren können.
Viralem Marketing sei Dank, entsteht schon lange vor Veröffentlichung der Hype. So zB. bei Clear. Vor dem Relase der App wurde ein Promo-Video veröffentlicht, in dem kurz und knapp Clear gezeigt wurde. Dank der ungewöhnlichen Bedienphillosphie wurde die App schnell zum “Muss-ich-haben” und das ganze Dorf wartete auf das Allheilmittel gegen die virtuelle Unordnung. Und endlich: Clear war da. Und das war es auch schon, denn neben dem in der Tat neuen (und zugegeben auch gutem) Bedienkonzept, war da vor allem eines: nichts.
Entschlackung nennt man das. Man lässt alle Funktionen weg und sagt dann es soll so. So auch bei Clear, der Taskmanager der nichts kann ausser Listen anlegen und sortieren. Da das Dorf aber schon vorher jubelte, muss man das Ding auch nutzen. Und so nutzen es viele (oder eben auch nicht) und die Macher von Clear sind glücklich. Und irgendwann wird es dann auch dem letzten Dorfbewohner clear, ähm klar.
Letzte Woche sollte uns Sparrow endlich von Apples absolut umständlichen und rückschrittlichem E-Mail Client befreien. Apples Mail-Herrschaft auf dem iPhone sollte ein Ende haben und Sparrow sollte uns Jahre der Unterdrückung in Sekunden vergessen lassen. Hier war die Geschichte sehr ähnlich. Schon Monate vorher machte es die Runde, dass der beliebte E-Mail Client für Mac auch fürs iPhone erscheinen sollte. Beta-Versionen wurden einem auserwählten Publikum zugänglich gemacht und alles war ganz schrecklich geheimnisvoll. Und dann war es endlich soweit und Sparrow erreichte den Appstore.
Nun gut, ohne Push-Benachrichtigung (wer braucht das schon?) ohne Exchange-Support (wer hat das schon?) ohne Pop3-Support (wer will das noch?). Dafür führt Sparrow den Nutzer wie in guten alten Windows-Zeiten assistentengesteuert zum Schreiben einer neuen E-Mail. Darauf haben alle gewartet. Ansonsten wurde viel abgeschaut, bei Twitter, Facebook & Co. Lieber gut geklaut, als schlecht selbst gemacht. Was Sparrow nun besser macht, als Apples E-Mail-Client bleibt unbeantwortet. Fans werden nun aufschreien und meine Mails per Gestensteuerung ins Nirvana schicken. Oder als gelesen markieren, in dem man etwas länger auf die Mail drückt. Alles sicher ganz nett, aber es ist nun auch nicht so, dass ich Nachts deswegen schlecht geschlafen habe.
Es ist ein wenig wie in der Musik. One-Hit-Wonder gibt es viele. Eine echte Band macht allerdings mehr aus. Es würde sicher helfen, wenn es weniger Hype und einen etwas kritischeren Blick auf die Dinge gäbe.
Genug geklotz.
